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DeutschlandSaga – ein Versuch

In der Sammlung des Museums Ludwig befindet sich das Bild „Lehmbruck-Saga„, das Jörg Immendorff 1987 gemalt hat. Es zeigt einen Theaterraum, in dem sich eine illustre Gesellschaft versammelt hat. Auf der Bühne wird gerade die „Kniende“ von Lehmbruck in einen brennenden Schlund geworfen. Ein Bild, das deutsche Geschichte reflektiert und starke Symbole verwendet. Karin Rottmann berichtet auf der Tagung über den Versuch, darüber einen transkulturellen Dialog in Gang zu setzen. (Hier wurde schon dazu gebloggt.) In diesem Interview geht es um die grundsätzlichen Überlegungen zu diesem Projekt. .

Du beschäftigst dich schon seit Langem mit den Möglichkeiten, die Kunstvermittlung mit dem Thema „Spracherwerb“ zu verbinden. Was war der Impuls für dieses spezielle Projekt und welche Ziele hattest du dir hier gesetzt?

Begonnen hat meine Beschäftigung mit „Sprache in der Kunst- und Kulturvermittlung“ mit der Beobachtung, dass die Schülerinnen und Schüler über einen geringen Wortschatz und mangelnde Wortgewandtheit verfügen. Die vielen Methoden, die in der Museumspädagogik entwickelt wurden, haben dabei geholfen, das Publikum zu aktivieren und sich selbst zu äußern. Fremdsprachenprogramme kamen hinzu, zunächst aus dem Wunsch heraus, neue Zielgruppen, z. B. Englisch- oder Spanisch-Klassen für Museen zu erschließen.

Deutsch als Zweitsprache im Museum war dann lange Zeit das Thema. Dazu gab es auch schon viel Unterstützung von Seiten der Universitäten, so dass im Dialog mit den Sprachwissenschaften die Arbeit systematischer wurde. Wir haben mittlerweile viel Erfahrung mit den „Internationalen Klassen“ und sehr viel positive Rückmeldung. Ein Bespiel für eine gelungene Zusammenarbeit zeigt das Projekt „WeThePeople“, in dem eine Klasse mit einer sprachlich sehr heterogenen Schülerschaft gemeinsam einen öffentlichen Auftritt im Museum Ludwig erarbeitet hat. Die Kooperation mit Schulen ist deshalb ein Erfolg, weil Schulunterricht sehr gut auf Museumsbesuche abgestimmt werden kann. Hier zeigt sich sehr deutlich die Nachhaltigkeit der vielen öffentlichen Fördermaßnahmen.

Anders und neu für uns ist allerdings die Arbeit mit geflüchteten Erwachsenen. Hier haben wir keine ausgebauten Infrastrukturen und müssen alles neu entwickeln. Im letzten Jahr hatten wir hauptsächlich Gruppen aus ehrenamtlich betreuten Kontexten, in der Regel aus den Flüchtlingsheimen. Es ist sprachlich eine große Herausforderung mit Gruppen zu arbeiten, die kaum Deutsch sprechen.

Die von mir entwickelte Museumstasche eröffnet einige Wege, sich sprachlich sehr reduziert über Kunst auszutauschen. Klassen aus den Sprachintegrationskursen (ab A2/B1-Niveau) sind zurzeit eher untypisch. Es war nicht einfach eine Projektgruppe zu finden. Das SprachHaus Köln ist unser Kooperationspartner für das DeutschlandSaga-Projekt geworden. Wir haben Freiwillige gesucht, die schließlich aus 4 Klassen gefunden wurden. Das größte Problem war es, ein Zeitfenster zu finden. Aus einem langen Projekt wurde ein kurzes mit 3 Tagen Arbeit im Museum.

Eine große Herausforderung war, den Erwartungen der Deutschlernenden zu entsprechen, denn sie hatten den Wunsch analog zu den Gruppen, die im SprachHaus parallel Unterricht hatten, Deutsch zu lernen. Erst im Verlauf des Projektes erkannten die Teilnehmenden, dass sie neben dem Vokabular auch intensiv Sprache anwenden mussten und das „Sprechen in der Öffentlichkeit“ geübt hatten. Hieran wird deutlich, dass es im Museum nicht nur um die Kunst geht, sondern dass auch andere Effekte von Bedeutung sind. Das war jedenfalls auch bei der Erwachsenengruppe ein wichtiges Feedback.

Natürlich ist nicht nur der Spracherwerb das Ziel eines Museumsprojektes. Wir müssen aber erkennen, dass es nicht ohne Sprache geht und dass erst die Sprache den Austausch über unsere verschiedenen kulturellen Positionen möglich macht.

Wenn wir das Stichwort „transkultureller Dialog“ näher beleuchten, so gäbe es da ganz unterschiedliche Themen zu besprechen. Eines davon ist sicherlich das Verhältnis der Geschlechter zueinander. Glaubst du, dass es ein Vorteil sein kann, die Diskussion dazu über das Vehikel der Kunstbetrachtung anzuschieben?

Ich mache die unterschiedlichen Haltungen mal an einem Beispiel aus meiner museumspädagogischen Arbeit deutlich. Von Zeit zu Zeit besucht mich eine Gruppe muslimischer Frauen innerhalb eines Konversationskurses eines Bildungswerkes (Sprachniveau B1/B2). Wir betrachteten „Das Liebespaar“ von Herman Scherer und beschäftigten uns mit dem Ausdruck der Gesichter des Paares. Die Gruppe kam zu dem Schluss, dass die Liebenden traurig seien. Wir rangen mit den Worten und ich bat die Frauen, in ihren Smartphones das Wort „ernst“ in ihren Sprachen nachzuschlagen. Wir kamen alle zu dem Schluss, dass dieses Wort viel besser den Gesichtsausdruck des Paares beschreibe und philosophierten ein wenig über das „Wesen der Liebe zwischen Mann und Frau“, das allem Anschein sowohl in der christlichen als auch in der moslemischen Kultur als ernsthaft angesehen wird.

Plötzlich fragte mich eine der Frauen, ob ich als Jungfrau in die Ehe gegangen sei. 10 neugierige Augenpaare musterten mich interessiert. Es schien selbstverständlich zu sein, dass muslimische Frauen untereinander sehr offen über derartige intime Themen sprechen. Es war nach der ersten Schrecksekunde danach sehr interessant, sich über die unterschiedlichen Vorstellungen auszutauschen und sich auf diese Weise kennenzulernen und Verständnis zu entwickeln.

Im Projekt DeutschlandSaga boten wir den Teilnehmenden zunächst „neutralere“ Themen an. Immendorffs „Lehmbruck-Saga“ zeigt eine Bühne, auf der „Deutsche Geschichte“ stattfindet. Auf diese Weise konnten wir die Projektgruppe mit dem Thema „Nationalsozialismus, Entartete Kunst und Vernichtung von Kunst und Kultur“ konfrontieren. Ein weiteres Thema stellte die Beschäftigung mit dem Publikum dar, das teilnahmslos dem Bühnengeschehen folgte.

Am 3. Tag wagten wir es, eine Aktdarstellung von Tom Wesselmann zum Thema zu machen. Es schien zunächst kein Problem zu sein, über die auf ihre primären Geschlechtsmerkmale reduzierte Frauendarstellung als Mittel der Werbung zu sprechen, dies relativierte sich jedoch in den anschließenden Kleingruppengesprächen mit den männlichen Projektbetreuern. Für die meisten muslimischen Teilnehmer stellte die Diskussion des Bildes eine Tabuverletzung dar. Es war jedoch interessant zu sehen, dass in der Feedback-Runde zum Projekt das Museum als ein Ort erlebt wurde, in dem über die unterschiedlichen Haltungen der Kulturen und Gesellschaften gesprochen werden kann.

Das Projekt wird durch einen Dokumentarfilm begleitet. Wie ist es dazu gekommen und hat das auch eine Rolle für die Teilnehmer*innen gespielt?

Es ist sehr schwer, ohne bewegte Bilder die Konzepte der Vermittlungsarbeit deutlich werden zu lassen. Es ist immer wieder gut zu sehen, wie die Menschen im Film agieren, wie sie reagieren, wie die Stimmung ist. Die Kamera ist aber immer wieder ein Störfaktor, weil sie auf die Beziehung von Vermittler und Publikum einwirkt. Es ist schwierig in die Kamera zu sprechen. Sascha Vredenburg ist aber ein sehr sensibler Begleiter, der das immer wieder hervorragend schafft, die Kamera vergessen zu machen. Für die Teilnehmenden ist die filmische Begleitung eine besondere Erfahrung. Alle warten natürlich auf die Filmpremiere im SprachHaus und alle werden stolz sein, die Herausforderungen gemeistert zu haben.

Für die „Deutschland-Saga“ hast du mit einem Team unterschiedlicher Projekt-Partner zusammengearbeitet. Welche Erfahrungen hast du aus der Zusammenarbeit für die Zukunft solcher Projekte gezogen?
Wir sind drei Partner: Der Museumsdienst hat im Wesentlichen die Inhalte zum Projekt vorbereitet. Hier ging es uns um die Diskussion des Gemäldes von Jörg Immendorff, um die Darstellung der deutschen Geschichte auf der Bühne. Wir wollten über die Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk die Beschäftigung mit einem Kapitel deutscher Geschichte und Transfers zur aktuellen Situation ermöglichen. Auch die Beschäftigung mit der Ignoranz der Zuschauenden sollte Diskussion ermöglichen.

Die Aufgabe des Theaterpädagogen Omar El-Saeidi sollte es sein, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer beim freien Sprechen und beim Auftritt vor Publikum zu unterstützen. Es war erstaunlich zu sehen, um viel lauter und artikulierter die einzelnen Teilnehmer und Teilnehmerinnen am Ende des Projektes sprechen konnten. Im Feedback betonten alle, dass die theaterpädagogischen Übungen sie unterstützt hätten und sie persönlich am meisten von diesem Training profitiert hätten.

Die Kooperation mit dem SprachHaus und Vasili Bachtsevanidis ermöglicht uns die Professionalisierung unserer Arbeit in der Erwachsenenbildung. Der nächste Schritt wird sein, die Dozentinnen und Dozenten des Instituts im Museum fortzubilden und regelmäßige Besuche der Sprachklassen in unseren Museen möglich zu machen.
Im Gegenzug profitiert die Museumspädagogik vom sprachdidaktischen Know How der Kolleginnen und Kollegen des Sprachinstituts.

Was wünschst du dir für die Zukunft?
Aus den Projekten müssen wir Erfahrungen ziehen. Es wäre wunderbar, wenn Projekte wie diese evaluiert werden könnten. Interessant ist ja die Frage, was derartiges Arbeiten im Museum bewirkt.
Ich glaube, dass Museen wunderbare neutrale Orte sind, miteinander ins Gespräch zu kommen und uns über Gemeinsamkeiten und Unterschiede unserer Kulturen auszutauschen und gemeinsame Perspektiven zu entwickeln.

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