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Die Sprache der Kunst

Foto: Die afghanische Künstlerin Sara Nabil und ihr Werk bei der Plattform Kulturelle Bildung in Genshagen
(c) Anna Rozkosny

 

Die Stiftung Genshagen ist eine von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie dem Land Brandenburg geförderte Einrichtung. Der Bereich Kunst- und Kulturvermittlung in Europa organisiert künstlerisch-kulturelle Projekte sowie den strategischen Dialog zwischen Akteuren und Experten der Kunst- und Kulturvermittlung und der Kulturellen Bildung im Rahmen von Tagungen, Kolloquien, Preisverleihungen und Künstlerresidenzen.

Vorletzte Woche veranstaltete die Stiftung im Rahmen der „Plattform Kulturelle Bildung“ eine Laborwerkstatt, die sich dem visionären Potenzial der Kunst widmete. „Kunst und Kulturelle Bildung im Kontext von Flucht, Ankommen und Zukunftsgestaltung“ – lautete der Untertitel und es waren rund 75 Teilnehmende aus der künstlerisch-kulturellen Praxis vor Ort, die in kleinen Gruppen miteinander das Thema bearbeiteten. Wir haben mit Dr. Maren Ziese gesprochen, die diese Veranstaltung in Zusammenarbeit mit der Projektleiterin der Stiftung, Sophie Boitel, organisiert hat.

Sie haben Akteure aus der künstlerischen Praxis und Kolleginnen und Kollegen aus der Kulturellen Bildung zusammengebracht. Wie haben Sie es geschafft, innovative – oder gar utopische – Gedanken mit der Praxiserfahrung aus der konkreten Arbeit mit Geflüchteten zusammenzubringen? Hat die Veranstaltung Erkenntnisse hinsichtlich der Wirksamkeit von spezifischen Programmen gebracht?

Die Veranstaltung basierte auf der Idee, zu allererst den Künstlerinnen und Künstlern das Wort zu erteilen und die Vermittlerinnen und Vermittler einzuladen, erst einmal einen Schritt zurückzutreten und sich auf die Werke und Arbeitsweisen der Kunstschaffenden einzulassen. „Flucht und Ankommen“ wurde nicht in erster Linie aus der Praxis der Kulturellen Bildung angesehen, sondern wurde ganz im Sinne des Ansatzes der Stiftung Genshagen über die „Sprache und Mittel der Kunst“ thematisiert. Für die innovativen Gedanken in unserer aktuellen gesellschaftlichen Situation standen die Künstlerinnen und Künstler auf unserer Tagung. Beispielsweise haben Manaf Halbouni, Sara Nabil und Salah Saouli Werke und Arbeitsweisen vorgestellt, die dadurch visionär sind, weil sie zeigen, wie die Welt ist – so benannte es Michael Wimmer in seinem Abschlussvortrag ganz passend.

Was Ihre Frage nach der Wirksamkeit von spezifischen „Programmen“ angeht: Dieser Punkt wurde im Rahmen unserer Tagung eher kritisch und kontrovers diskutiert. Wer definiert was für wen? Wer darf wem welche Fragen stellen? Anna Chrusciel stellte in ihrem Input das Integrationsbegehren und die Diversitätsansprüche Kultureller Bildung auf den Prüfstand. „Wer sind „Die Anderen“ im Wirkungsdiskurs? Laut ihren Ausführungen ist bei einem Wirkungsanliegen auch die Frage zu stellen, unter welchen Bedingungen diese Verhältnisse, die diesem Anliegen zugrunde liegen, hervorgebracht werden: in Bezug auf die Verteilung von Ressourcen, in Bezug auf die Verteilung von Entscheidungsmacht, in Bezug auf die Themen, die verhandelt werden. Diese Fragen werden bei der Entwicklung von Projekten Kultureller Bildung zunehmend berücksichtigt, bleiben aber in Ansätzen zu Wirkungsanalysen weitestgehend unangetastet, so Anna Chrusciel.

Nehmen wir das Stichwort „Partizipation“ – fallen Ihnen da drei Schlagworte ein, wenn Sie an die Gespräche der Laborwerkstatt denken?

Es gibt dieses Manifest von Tania Canas, Arts Director der australischen Organisation RISE, welches Empfehlungen für die Zusammenarbeit mit Geflüchteten auflistet. Wir als Veranstalter haben uns bemüht, sensibel für die Schwierigkeiten der Partizipation zu sein und die Rahmenbedingungen für Partizipation zu reflektieren. Partizipation kann auch Gefahr laufen, nicht immer fortschrittlich und bestärkend zu sein, wie Tania Canas hervorhebt. Uns war es wichtig, dass wir den Unterschied zwischen Präsentation und Repräsentation kennen und auch unsere Lebensgeschichten teilen.

Haben Künstlerinnen und Künstler mit Fluchterfahrung einen besonderen Blick auf unsere Gesellschaft? Und inwiefern kann das Thema Flucht eine Rolle für deren künstlerische Identität spielen?

Kunst als Bewältigungsstrategie für das Erlebte, als Emanzipationsstrategie oder Methode, um mit künstlerischen Mitteln an einer Verbesserung der Gesellschaft zu wirken, ist sicherlich allen oder vielen Kunstschaffenden gemeinsam. Erstrebenswert wäre es, aus dem „Paradox der Anerkennung“ (Paul Mecheril) herauszukommen, welches meint, dass die als „Anderen“ benannte“ als solche identifiziert und festgeschrieben werden und eben nicht als „Gleiche“.

Werfen wir einen Blick in die Zukunft unserer Gesellschaft – hier spielt das „neue Wir“ eine zentrale Rolle. Konnte die Laborwerkstatt ausmachen, an welchen Stellschrauben wir noch zu drehen haben? Gab es vielleicht sogar kreative Ansätze, die man weiterverfolgen sollte?

Eine Stellschraube wäre sicherlich die Definition von „Migrationsanderen“ als bildungsbedürftiges Zielpublikum kultureller Bildung. Wer sind die Subjekte der „Anderen“? Fragen der Zukunft betreffen auch den Blick auf eigene Position und Privilegien. Großer Bedarf für die Gesellschaft besteht in der Änderung der institutionellen Strukturen der Kulturellen Bildung, dies war auch ein Diskussionspunkt auf unserer Tagung.

Und für das Individuelle gesprochen – wie es Michael Wimmer ausgedrückt hat: die „wichtigste Visionsvoraussetzung“ ist es „sich zu trauen, mit den Mitteln der Kunst das Unterträgliche an der eigenen ebenso wie der Situation anderer zu erfahren, auszuhalten und daraus Kraft für Veränderung zu schöpfen“.

Weitere Ergebnisse unserer „Plattform Kulturelle Bildung“ stellen wir gerade zusammen und präsentieren sie in Kürze auf der Webseite der Stiftung Genshagen. Die von Ihnen gestellten Fragen kommen auch in unserer Dokumentation zur Sprache.

Gerne verweisen wir exemplarisch auch auf das künstlerische Werk von Senad Alic, Manaf Halbouni, Sara Nabil, Salah Saouli, Matthias Wermke, Birgit Auf der Lauer und Caspar Pauli, Barbara Caveng und Dachil Sado, Robert Hutter und Abuzer Güler (Casa Mia). Fragen von „Flucht, Ankommen und Zukunftsgestaltung“ kommen beispielsweise in der Bettlarken-Arbeit „206“, 2016 (Filzstift auf Leinentuch) von Sara Nabil zur Sprache, daher steht es auch als Auftaktbild für diesen Blogbeitrag.

Vielen Dank, Frau Ziese, für die spannenden Einblicke in Ihre Veranstaltung. Sie werden ja als Mitorganisatorin der Tagung noch einen Impuls geben, der weiteren Austausch zu diesem Thema anregen kann. Wir sind sehr gespannt auf die Diskussion.

 

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