Interview mit Dr. Sabine Dengel

Dr. Sabine Dengel ist von Seiten der Bundeszentrale für politische Bildung eine der Hauptverantwortlichen für die Veranstaltung. Frau Dengel ist seit 2008 wissenschaftliche Referentin für politische und kulturelle Bildung bei der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb. Ihre inhaltlichen Schwerpunkte sind u.a. die Theorie politischer und kultureller Bildung, (historische) und Demokratietheorie.

In diesem Interview spricht sie über die Gedanken, die hinter der Veranstaltung stecken und macht deutlich, welche Ziele man sich damit gesetzt hat.

Im vergangenen Jahr haben wir eine der größten Fluchtbewegungen unserer Zeit erlebt. Die Zivilgesellschaft sieht sich hier besonderen Herausforderungen gegenüber. Welche Rolle spielen die Museen in diesem Zusammenhang?

Mich interessiert es herauszufinden – und das ist eines der Ziele, die die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb mit der Kooperation und der Tagung verfolgt –, wie die unterschiedlichen Museumsvertreter/innen die Rolle des Museums als öffentlicher Kultur- und Bildungseinrichtung in der aktuellen Situation neu fassen.

Besonders bemerkenswert fand ich in den vergangenen Monaten, wie intensiv sich die Protagonisten der kulturellen Bildung in den Museen seit dem Beginn der Fluchtwelle von der Problematik angesprochen fühlen und sich für die Schaffung von Angeboten engagiert haben. In den meisten Häusern liegt eine jahrelange Erfahrung im Umgang mit unterschiedlichsten Zielgruppen vor, aber die spezifischen Probleme der Geflüchteten stellen doch vor enorme neue Herausforderungen, denen sich die Museen in der Breite stellen.

Interessant ist für mich der Umstand, dass die politische Bildung seit dem Beginn des Jahres von vielen als eine Art „natürlicher“ Partner angefragt wird, was – wenn wir ehrlich sind – vorher nicht immer der Fall war. Die ersten Erfahrungen zeigen, dass das Zusammengehen der Institutionen und ihre Beteiligung am – kontrovers geführten – öffentlichen Diskurs den hier Ankommenden ein wichtiges Signal vermitteln kann, wo man sich jetzt befindet und auch, worauf man sich verlassen kann. Für am wichtigsten halte ich in der nächsten Zukunft, dass wir in den fachlichen Austausch treten und Angebote schaffen, in deren Entwicklung wir Geflüchtete einbeziehen.

Betrachtet man den Titel, so zielt die Tagung ja auf einen ganz speziellen Aspekt des Themas. Welches Ziel verfolgen Sie mit der Veranstaltung, was meint „transkulturell“ und wie sprechen Sie die verschiedenen Akteure an?

Unser Hauptziel besteht darin, denjenigen ein Forum zum fachlichen Austausch zu geben, die Projekte und Programme zur kulturellen Bildung mit Geflüchteten in den Museen anbieten oder in Zukunft anbieten möchten. Für die meisten ist das eine neue Situation, in der man sich lernend und auch mit Rückschlägen voran bewegt.

In diesem Prozess, der nicht nur Geflüchtete, sondern insbesondere unsere Institutionen voranbringt, ist der Diskurs besonders wichtig. Aber wir versuchen natürlich auch, in fachlicher Hinsicht Impulse zu vermitteln sowie Erfahrungen und Erkenntnisse von Akteuren jenseits der Museumsszenen zu verarbeiten. Für besonders wertvoll halten wir in diesem Zusammenhang das Angebot unserer Partner NDO, unsere Arbeit am Ende der Tagung aus ihrer Sicht kritisch zu spiegeln.

Mit der Verwendung des Begriffes „transkulturell“ möchten wir andeuten, dass wir neue Akzente in der pädagogischen Arbeit für angezeigt halten. Wissenschaftliche Erkenntnisse deuten darauf hin, dass „Abstammung“ nur noch begrenzte Bedeutung für die Identitätsbildung von Kindern und Jugendlichen hat. Ihre Individualität ist zu einer weitgehend freien, selbst zu leistenden Gestaltungsaufgabe geworden, bei der sich viele Einflüsse bemerkbar machen.

Hybride Selbstbilder entwickeln sich – auch unter den Einflüssen globaler Kulturprozesse und der Ästhetisierung der Lebenswelten -, was die Pädagogik bisher nur unzureichend spiegelt. Uns geht es darum, die emanzipatorischen Potenziale dieser Entwicklungen zu fördern, statt sie durch eine auf kulturelle Differenz fokussierte Bildungsarbeit auszubremsen. Der zu führende Fachdiskurs wird sicher viele Facetten haben, aber dies ist ein zentraler Aspekt für das Gros der Akteure in der kulturellen Bildung.

Als Bildungsinstitutionen fällt Ihnen eine besondere Verantwortung für die Kulturvermittlung zu. Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, was wäre das in Bezug auf die anstehenden Aufgaben?

Als Institution der politischen Bildung sind wir zwar keine Kulturvermittler im strengen Sinne, aber Kultur meint Lebensweise und Lebensweise ist – folgt man Aristoteles – zu einem Teil politisch. Demnach ist der Mensch erst Mensch, wenn er seine soziale und kulturelle Seite auslebt. Viele Menschen in Europa nehmen das Jetzt als eine Zeit der Krise wahr: zum einen muss unter den gegenwärtigen Bedingungen vieles neu ausgehandelt werden, was als sicher galt; zum anderen sind Ordnungssysteme weggebrochen, die unser Denken lange Zeit geprägt haben. Drittens erleben wir das Ende des neoliberalen Paradigmas – niemand würde mehr behaupten, dass starke Egozentriker die „Antwort“ auf die Gegenwartsfragen sind, worauf Heinz Bude in seiner letzten Publikation hingewiesen hat.

Ich würde mir erstens wünschen, dass wir diese Phänomene als Chance begreifen, der Demokratie neuen Aufwind zu geben. Die Arbeit mit Geflüchteten bietet die Chance, an die Wurzeln unserer Werte zu gehen, zu reflektieren, diskutieren, argumentieren. Die Arbeit mit Jugendlichen bietet Älteren die Chance, sich in einer veränderten Welt neu aufzustellen. Und die Gesamtsituation bietet die Chance, wieder kommunikativer und kooperativer an die Dinge heranzugehen.

Ich würde mir daher zweitens wünschen, dass wir den Weg weitergehen können, den wir in den letzten Monaten eingeschlagen haben: Zur Zeit sitzen Akteure miteinander am Tisch, die sich noch vor kurzem nicht getroffen hätten: Vertreter/innen von Museen, Gedenkstätten, Theater- und Literaturhäusern, Bibliotheken, Bildungseinrichtungen etc.

Drittens wünsche ich mir, was ich mir immer wünsche: Kulturelle Bildung um der kulturellen Bildung wegen. Vom Zweckdenken müssen wir auch mal wieder runterkommen.

Würden Sie mir zustimmen, dass wir uns in einer Zeit des durchgreifenden Wandels befinden? Auch die Museen betreffend!? Mit welchen Gefühlen betrachten Sie mögliche Veränderungen?

Seit ich es aus meiner Außenperspektive beobachten kann, befinden sich die Museen in Deutschland in einem dauerhaften – teilweise institutionalisierten – Prozess der kritischen Selbstreflexion mit je unterschiedlichen Zwischenergebnissen. Bezogen war dieser Prozess stets – nicht erst heute – auf jeweils aktuelle gesellschaftspolitische Wandlungstendenzen. In den Jahren seit der Jahrtausendwende wurde vieles vorangebracht: denken Sie beispielsweise an die Zielgruppendebatten oder die Frage der Partizipation.

Aber fast jeder Schritt nach vorne musste hohe institutioneninterne Hürden überwinden. In defensive Maßnahmen wird in der Szene nicht wenig Energie investiert. Was ich mir daher insbesondere für die Zukunft erhoffe, ist eine erhebliche Aufwertung der Bereiche Vermittlung und Pädagogik sowie die Überwindung der starken funktionalen Grenzziehungen innerhalb der Einrichtungen.

Die Idee des Austauschs und der Öffnung – auch mit und gegenüber Geflüchteten – lässt sich nur überzeugend in die Tat umsetzen, wenn Museumspädagog/innen bereits dort mitreden können, wo konzipiert wird. In der bpb – wenn ich uns mal loben darf – ist es seit langem klar, dass eine veränderte Haltung des ganzen Hauses und nicht nur einzelner motivierter Personen vonnöten ist, um die Institution mit ihrer Gesellschaft ins Gespräch zu bringen. Zu einer solchen Veränderung kann man auch dadurch beitragen, dass man bei der Stellenvergabe neue Wege beschreitet.

Sie richten sich mit der Tagung an eine spezielle Zielgruppe. Was erwarten Sie vom Austausch über die jeweiligen Arbeitsbedingungen in diesem Feld?

Ich denke wir leisten mit der Tagung erheblich mehr, als uns über die Arbeitsbedingungen in dem Feld auszutauschen. Diese spielen aber auch eine wesentliche Rolle, denn wir müssen die Rahmenbedingungen der Arbeit genauso kennen, wie die Schwierigkeiten in den Projekten.

In der Zukunft wird auch über Aus- und Weiterbildung wieder nachgedacht werden müssen, um den Vermittler/innen eine gute Grundlage zu geben. Worauf ich mich sehr freue, ist der zu erwartende Austausch zwischen Museumspädagogik, politischer Bildung und den Neuen Deutschen Organisationen.

In meiner Arbeit kam ich immer am stärksten voran, wenn ich mich mit anderen Denk- und Arbeitsweisen intensiv auseinandergesetzt habe. Das wird hoffentlich anhand der zahlreichen Beispiele aus der Praxis gelingen, die nicht nur Erfolge melden, sondern speziell die Stolpersteine bei der Arbeit mit Geflüchteten thematisieren.

Am Ende der Tagung werden wir sicherlich resümieren können, wo die dringendsten Bedarfe sind und wo sich bereits gute Erfolge zeigen. Ich erhoffe mir, dass wir sowohl einige Gelingensbedingungen der pädagogischen Arbeit als auch einige Forderungen an uns selbst und die Politik formulieren können.

 

 

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